Männliche Ferkel werden kastriert, weil sich ihr Fleisch dann besser verkaufen lässt. Bald darf das nicht mehr ohne Betäubung geschehen. Doch was sich gut anhört, sorgt für überraschend viele Schwierigkeiten.

kastration bei männlichen Schweinen, Fleischwirtschaft

Inhalt

  1. Seite 1 — Was heißt schon artgerecht?
  2. Seite 2 — Impfstoff statt Kastration

Etwa 20 Millionen männliche Ferkel werden jedes Jahr in Deutschland bei vollem Bewusstsein kastriert. Sie sind dann meist etwa sieben Tage alt, ihr Schmerzempfinden ist ausgeprägt, wie die Tierärztliche Hochschule Hannover berichtet. Schreie, Schockzustände und krampfartiges Zittern belegen das.

Die gute Nachricht: Von 2019 an ist die Ferkelkastration ohne Betäubung in Deutschland verboten.

Die schlechte: Die deutsche Fleischwirtschaft steht infolgedessen vor einem ausgeprägten Problem. Mit den Grausamkeiten aufzuhören wird schwierig. Einerseits ist die Sache mit der richtigen Betäubung weitaus komplizierter als gedacht. Andererseits lassen sich nicht kastrierte Eber nur äußerst aufwendig halten, und ihr Fleisch verkauft sich schlechter.

Was also tun? Ein Blick in die Praxis zeigt, dass Tierliebe, wie sie in den Köpfen vieler Menschen existiert, nicht immer dem Wohl der Tiere dient, dass die Fleischwirtschaft eine Heidenangst vor dem Verbraucher hat und, natürlich, richtig viel Geld auf dem Spiel steht.

Das Thema ist heikel. Ferkelerzeuger möchten sich nicht bei Kastrationen über die Schulter schauen lassen. Erst nach längeren Verhandlungen ist der hessische Lehrbetrieb Gut Eichhof in Bad Hersfeld mit einer Vorführung einverstanden. Als die Schulleitung jedoch feststellt, dass man den angehenden Landwirten bislang eine Methode beigebracht hat, die von 2019 an gesetzlich verboten ist, wird der Termin umgehend abgesagt.

Wie funktioniert eine möglichst schonende, schmerzfreie Kastration, die den Anforderungen artgerechter Tierhaltung standhält? Eine mögliche Antwort gibt Ralf Bussemas. Der studierte Landwirt arbeitet am Thünen-Institut für ökologischen Landbau im holsteinischen Westerau, einer Bundesforschungseinrichtung. Die Suche nach Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration gehört ebenfalls zu seinen Aufgabengebieten.

Die Ferkel aus dem letzten Wurf auf dem Gut des Instituts wurden vor sieben Tagen geboren und haben seitdem ihr Gewicht verdoppelt. Es ist Zeit, an die Arbeit zu gehen. Ralf Bussemas ist nicht nur Wissenschaftler, sondern Landwirt mit Leib und Seele. Kastration ist kein Vergnügen. Zunächst spritzt Bussemas den Ferkeln das Schmerzmittel Meloxicam und wartet eine Weile, „bis es anflutet“, wie er sagt. Anschließend werden die Ferkel nacheinander in ein Narkosegerät eingespannt, mit der Schnauze in eine Maske, aus der ein Gas strömt. 90 Sekunden dauert es, bis ein Tier das Bewusstsein verliert. Danach geht es schnell: zwei präzise Schnitte mit dem Skalpell über den nur als Erhebung ausgebildeten Hoden. Die Testikel werden herausgedrückt und mit einem zangenartigen Gerät namens Emaskulator abgeklemmt. Die Ferkel zeigen praktisch keine Reaktion. Zum Schutz vor Infektionen werden die Schnittstellen bepudert, und nach etwa zwei Minuten sind die Tiere wieder wach. Kurze Zeit später säugen sie an den Zitzen ihrer Mutter. „Woanders klemmt sich der Bauer das Ferkel unter den linken Arm und schneidet mit rechts“, sagt Bussemas. „Dauert pro Tier etwa 30 Sekunden.“

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33/2017. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Doch das Narkosemittel Isofluran, dass Forscher Bussemas für seinen Versuch nutzen darf, hat in Deutschland noch keine ordentliche Zulassung für diesen Einsatz. Ganz unproblematisch ist Isofluran überdies nicht. Das Gas muss unbedingt nach draußen abgeführt werden. In der Schweiz, wo diese Methode entwickelt wurde, klagte jeder vierte befragte Schweizer Landwirt nach dem Einsatz von Isofluran über Kopfschmerzen und Übelkeit. Bei Ferkelerzeugern darf es in Deutschland derzeit nur von Tierärzten oder unter deren Aufsicht verabreicht werden. Doch es fehlt an genügend Veterinären, um Millionen Kastrationen zu überwachen oder gar selber auszuführen. Dazu kommt der Treibhauseffekt von Isofluran, der um das 595-Fache über dem von Kohlendioxid liegt.

Der Öko-Zertifizierer Neuland wendet die in der Schweiz entwickelte Methode seit 2008 an. Die Mehrkosten betragen zwischen 1,50 Euro und fünf Euro je Ferkel, abhängig von Betriebsgröße und logistischem Aufwand, berichtet Neuland-Bauer Jochen Dettmer aus Hörsingen in Sachsen-Anhalt. Und sie kostet Zeit.

Wenn Eber ihre Triebe ausleben, „ist viel Dampf im Stall“, sagt ein Landwirt

Einige Bauern verzichten deswegen auf die Kastration und halten die Eber trotzdem – getrennt von den weiblichen Tieren. „Das ist schon eine besondere Herausforderung, wenn diese Tiere in die Pubertät kommen und ihre Triebe ausleben“, sagt Thomas Fögen, Experte des Hessischen Bauernverbands. Aufreiten unter Ebern (die Vergewaltigung schwächerer Artgenossen) und Penisbeißen (Kastration der Konkurrenz) kommen immer wieder vor. „Da ist viel Dampf im Stall“, bestätigt der nordrhein-westfälische Landwirt Franz-Josef Hüppe, der seit acht Jahren auch Ebermast betreibt. „Die meisten Tiere im Krankenabteil sind Eber.“

Hinzu kommen Geruchsprobleme. So kann das Fleisch von nicht kastrierten Ebern beim Erhitzen eklig riechen. Etwa drei von hundert Tieren gelten als sogenannte „Stinker“. Für eine kleine Metzgerei, die nur wenige Tiere pro Woche schlachtet, ist ein Stinker immer eine wirtschaftliche Katastrophe – weil sich sein Fleisch kaum verkaufen lässt. Davon profitieren Großbetriebe. Denn industrielle Verarbeiter haben andere Möglichkeiten, die Stinker zu verarbeiten. Etwa in Wurstwaren, die nicht erhitzt werden müssen. Bei den drei deutschen Großschlachtereien Tönnies, Vion Deutschland und Westfleisch arbeiten bevorzugt Frauen, die das Fett von Schlachtkörpern mit einem Brenner erhitzen und daran schnuppern, um die Stinker zu identifizieren. Maschinen sind dazu bislang nicht in der Lage.

Eberzüchter Hüppe kann sich auf seinen Abnehmer Westfleisch verlassen. Für neue Abnahmeverträge hat Westfleisch aber erst im März einen Annahmestopp verhängt. Auch die Konkurrenz ist nicht interessiert an weiterem Eberfleisch.

Eine andere in Deutschland bereits angewendete Alternative ist der Einsatz von Improvac. Der Hersteller dieses Mittels heißt Zoetis, eine selbstständige Ausgründung des Pharmagiganten Pfizer. Die Arznei ist in anderen Ländern seit Jahrzehnten bewährt und bewirkt eine Täuschung des Hormonsystems des Ebers. Die Wirkung: Nach der zweiten Impfung bilden sich die Hoden des Ebers zurück, er verhält sich jetzt wie ein Kastrat. Zoetis würde mit dem Impfstoff gerne auch in Deutschland viel Geld verdienen.

Viele Fachleute halten diese Methode für die beste, weil sie schmerzlos ist. Auch Wissenschaftler Bussemas vom Thünen-Institut sieht darin „die möglicherweise artgerechteste Lösung für die Tiere“. Hormone kommen nicht zum Einsatz, das Fleisch der Tiere macht auch nicht impotent.

 

Es gäbe eine Lösung – von der in Deutschland aber niemand wissen will

Naturland, ein zweiter Öko-Zertifizierer, erlaubt seinen Landwirten den Einsatz von Improvac. Derart hergestelltes Fleisch landet unter anderem in den Bio-Kühlregalen der Supermarktkette Rewe. Auch Aldi Süd und Aldi Nord akzeptieren Fleisch von geimpften Tieren. Trotzdem könnte es für sie bald schwierig werden, Improvac weiter einzusetzen. Kürzlich stufte das Landwirtschaftsministerium in Brandenburg den Impfstoff für die ökologische Tierhaltung als nicht zulässig ein. Der Stoff beeinflusse das Wachstum der Tiere, erklärte die zuständige Abteilungsleiterin, und sei deswegen nach EU-Vorschriften ungeeignet.

Außerdem fürchtet die Fleischbranche die Reaktion der deutschen Kunden: „Inwieweit die Konsumenten kritisch reagieren und emotional bewegt werden, hängt zentral vom Grad der Skandalisierung in den Medien als unvorhersehbare Variable ab“, steht in einer Konsumentenstudie für die Organisation QS, die Qualitätssiegel für frische Lebensmittel vergibt.

Es gäbe eine Lösung des Problems – von der in Deutschland allerdings niemand etwas wissen will. In Großbritannien werden mehr als 90 Prozent der Eber nicht kastriert, berichtet die National Pork Association (NPA). Jungsäue und Eber werden bis zur Schlachtung gemeinsam in einer Herde gehalten. Ihr Ende erleben die Tiere in der Regel bereits bei 90 Kilogramm Schlachtgewicht. Deutsche Schweine sterben, wenn sie etwa 120 Kilo wiegen.

Folge der gemeinsamen Herdenhaltung ist allerdings, das manche Jungsauen bei der Schlachtung trächtig sind. Wie viele, will eine NPA-Sprecherin nicht sagen und auch sonst nicht über das Thema sprechen. Ungeborene Schweinebabys im Schlachthof – davon sollen die Briten wohl eher nicht zu viel erfahren.

Doch wäre die gemischte Haltung gesunder weiblicher und männlicher Tiere, die vor ihrem Tod noch einen Geschlechtsakt erleben, nicht artgerecht? Zum Preis einiger Föten im Schlachthof? Ein deutscher Öko-Zertifizierer reagiert panisch: „Wenn wir so was propagieren würden, wären wir sofort tot!“ Um dem Verbraucher Bilder von blutigen Föten zu ersparen, werden somit weiter Ferkel entmannt. Wegen der Tierliebe des Menschen.

Artikel von Matthias Brendel

Quelle: Aus der ZEIT Nr. 33/2017